Ü B E R    M I C H


Die Diesel-Power-Frau


Ich fühle es ganz, es hüllt mich selig sein - das namenlose Glück allein zu sein...

...mit dieser schlichten, aber seltsam anmutenden Begründung glorifiziert Kerstin Pos die Einsamkeit, die sie auf ihren endlos langen Fahrten über den europäischen Kontinent begleitet. Sie hat ihren Traumberuf verwirklicht, Fernfahrerin auf einem schweren Lastzug, und da ihr das allein noch nicht genug war, hat sie sich gleich noch die härteste Sparte innerhalb der Branche ausgesucht,

den internationalen Kühlverkehr.


Schnell verderbliche Früchte im Thermotruck unter extremem Zeitdruck über 3000-Kilometer-Distanzen zu bewegen, gilt selbst unter abgebrühten Lastwagenchauffeuren als hartes Brot. Mit nichts weniger als dem wollte die 34-jährige (im Jahr 1997) sich zufrieden geben. Verbunden mit Mühen, Enttäuschungen und dem Willen, ihren Job gut zu machen, um nicht die negativen Erwartungshaltungen hämischer Männer zu erfüllen, hat sie sich hierbei durchgesetzt.

Seit rund 10 Jahren, einer Zeit, die nur wenige in diesem Stressjob aushalten, ist ihr leuchtend blonder Wuschelkopf an den Laderampen der Fruchthändler zwischen Bari, Oslo und Málaga zum vielgepriesenen Zeichen femininer Durchsetzungsfähigkeit geworden. Sympathischerweise ist sie dadurch nicht zu einem pseudomännlichen Wesen mutiert, vielmehr hat sie sich die schönen Attribute der Weiblichkeit erhalten.

Statt wie in dieser Branche häufig üblich Kette zu rauchen oder sich mit Kaffee vollzuschütten, verfügt Kerstin Pos über eigene Methoden, das Gespenst der bleiernen Müdigkeit während langer Autobahnnächte aus ihrer Lastwagenkabine zu verscheuchen. Ihr CD-Wechsler ist mit Trance-Scheiben gefüllt, die 120 bis 150 minütlichen Rhythmusschläge dieser Techno-Variante verbünden sich mit dem Brummen des 400-PS-Diesels zu ihrem vollkommenen Lieblingsklang.

Die Mixtur von dreierlei Flüssigkeiten beflügelt zusätzlich ihre Sinne: Adrenalin schüttet sie bei Bedarf reichlich selbst aus, mit bis zu einem ganzen Fläschchen Tabasco täglich verpasst sie ihrem Kreislauf ergänzende Schübe. Nachgespült wird mit taurinhaltigen Wachmacherdrinks, ein halbes Dutzend solcher Dosen hat sie oft schon nach weniger als 1000 Kilometern leergesaugt.

Spanien ist ihr absolutes Lieblingsland, besonders die Region um Almería, deren Symbol, das "Indalo" -Männchen, sowohl ihre Halskette als auch verschiedene Flächen ihres Lastzugs ziert. Gerade hier ist die Welt besonders "mucho machísimo", besonders vom Männlichkeitswahn geprägt, doch gerade deswegen ist auch die Anerkennung, die sie hier von den Arbeitern der Fruchtkooperativen und den spanischen Fahrerkollegen erfährt, ausgesprochen groß.

Natürlich gibt es hier wie überall Sturköpfe und Ignoranten, die für Frauen am Steuer schwerer Lastwagen nur Arroganz oder abfälligen Spott übrig haben. Doch für solche Kandidaten wie auch gegen jegliche Form flacher Anmache hält Kerstin Pos einige rhetorische Pfeile in ihrem Köcher bereit, die wahlweise in pfälzischem Dialekt oder in ebenso deutlichem Spanisch abgeschossen werden und nur selten ihre Wirkung verfehlen.

Belohnt wird sie für ihre harte Arbeit durch traumhafte Sonnenaufgänge, die Schönheiten des Reisens, Begegnungen mit liebgewonnenen Freunden und Freundinnen, ab und zu einer Nacht des Abfeierns in einer der wilden spanischen Discos und dem Gefühl,

etwas Sinnvolles zu leisten.


Und die Einsamkeit, die sie so sehr liebt, die gibt es in Hülle und Fülle quasi umsonst dazu...

Aufgezeichnet von Felix Jacoby, 1997


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