U N T E R W E G S


Mit dem Brummi in 2000 Meter Höhe

1988 / In Jugoslawien, als es weder Handy noch Navigationsgeräte gab

Schon zum x-ten Male hatte ich an diesem Vormittag die Nummer meines Speditionsbüros gewählt, um endlich mitteilen zu können, dass die Eier beim Kunden heil angeliefert waren und um eventuell die nächste Ladeadresse zu erhalten. An der Tür des von der Frühlingssonne erhitzten Kabäuschens, in dem die stämmige Sekretärin mir etwas widerwillig ein Telefon zur Verfügung gestellt hatte, klebte ein Plakat auf dem stand: "Landei - garantiert legefrisch aus Österreich". Der Slogan wurde von einer Karikatur unterstützt, auf der ein grinsendes Huhn mit seiner Kralle auf ein überdimensionales Ei deutete, das mit dem landesbezogenen "A" gekennzeichnet war. Innerlich musste ich über diese Behauptung schmunzeln, da ich gerade an die 300.000 Eier aus Holland importiert hatte.

"Hallo Conny, hier ist die Kerstin, der LKW ist leer, wie geht es weiter?" fragte ich fröhlich in den Hörer. "Schön", meinte Conny, "ich habe schon deine neue Ladeadresse - du lädst noch heute in Bistrica bei der Firma Kamniski tiefgefrorene Himbeeren, 1800 Kartons á 10 kg lose. Fahre direkt los, die Verlader warten schon auf dich". Mein gestresster Disponent hatte schnell geantwortet und sofort aufgelegt.

Ich bezahlte mein Telefonat und lief eilig zurück an meinen LKW. Die Jugoslawienkarte lag griffbereit, ich konnte sie über dem Lenkrad ausbreiten. Aber einen Ort Bistrica konnte ich im Index nicht finden. Ich entdeckte ihn auch auf der Karte im 100 km-Umkreis nicht. Doch der Kundenname half mir etwas weiter. Es war der Name einer Region, die sich etwa 80 km von Klagenfurt entfernt in Slowenien befand. Aber meine Augen wurden immer größer, denn die Region lag in Bergen, die mehr als 2000 m hoch waren. Die Straßen waren schmal und gefährlich. Welche sollte ich nehmen?

Ich entschied mich nicht für den kürzesten Weg, sondern für den, der mir am wenigsten kurvenreich erschien. "Das kann ja heiter werden" dachte ich, wohlwissend, dass es ziemlich abenteuerlich werden konnte.

Nachdem ich die Grenze relativ unproblematisch nach zwei Stunden passiert hatte, bog ich kurz darauf in die Straße ein, die mich zum Kunden führen sollte. Die immer höher führende kurvige Bergstraße, vorbei an weidenden Kühen und Schafen, endete plötzlich und gleichzeitig stand ich vor einer unbeschilderten Kreuzung, von der sich drei mehr oder weniger befestigte Feldwege gabelten. "Na Klasse", murmelte ich vor mich hin "was nun?". Nochmals kramte ich meine Landkarte hervor und versuchte mit Hilfe der Nachmittagssonne, die mir ins Führerhaus schien, den wahrscheinlich richtigen Weg zu finden. Zwei dieser Schotterwege konnte ich nach längerem Hin und Her auf der Karte identifizieren, nur der dritte war total überflüssig und damit auch das Problem.

Nach einigen Minuten des Rätselratens fuhr ich auf dem nach rechts über einen Berg führenden Weg langsam weiter. Und es ging bergauf! Jegliche Zivilisation lag hinter mir, ich war allein mit der Natur. Normalerweise würde ich an so einer Stelle aufatmen und feststellen:

Ja, das ist es!!! NATUR PUR! So soll es sein!

Nur der Gedanke, dass dieser Weg im Nichts enden könnte, nahm mir diesen Frohmut. An der noch mit Schneeresten geschmückten Bergspitze angelangt, konnte ich hinunter in ein tiefes weites Tal blicken, wo auch mehrere kleine Häuser verstreut lagen. Irgendwo dort musste sich meine Ladestelle befinden. Ich blieb erst einmal stehen, um mit meinen Augen den Weg herunter zu tasten. An der zweiten Kurve konnte ich ein Landkind erblicken, dessen Begeisterung über das ganze Gesicht verbreitet war. Es stand da mit einem über ihn herausragenden Holzstock in der linken Hand, einen Tirolerhut mit Federschmuck auf dem Haupte und bepackt mit einem Rucksack auf dem Buckel.

Ganz klar, so einen Brummi hatte der Knabe an dieser Stelle noch nie gesehen. "Gut, wenn ich es schaffe, einem kleinen Geschöpf mit meinem Auftauchen so eine Freude zu bereiten", dachte ich mit einem Stoßgebet an alles, was noch über mir war, "dann komme ich jetzt auch irgendwie da unten an".

Ich schlich Kehre für Kehre hinunter. Als ich die ersten Häuser erreicht hatte, war die Sonne bereits am untergehen. Verwunderte Blicke der auf der Straße angesammelten Dorfbewohner trafen mich. Ich hielt an und erkundigte mich mit Händen und Füßen nach der Firma, bei der ich laden sollte. Ich war schon richtig, aber über diesen Berg war noch nie ein Lastwagen gekommen. Die Leute staunten nicht schlecht.

Dass ich nicht den besten Weg gewählt hatte, hatte ich selbst bemerkt. Wahrscheinlich wird den Kollegen, die nach mir dort laden werden, immer wieder von der Verrückten erzählt werden, die von der falschen Seite ins Tal herunterkam.

Übrigens: Unterwegs mit einem Hängerzug, mit einem Sattelzug wäre der Weg hinunter ins Tal unmöglich gewesen!





Die Angst fährt mit

1998 / Auf der A 7 zwischen Valencia und Tarragona (km 485 - km 280)

Es macht mir Spaß, die ach so harte Männerwelt aufzuschrecken. Ich weide mich am Neid und an den schockierten Augenpaaren von Kollegen und Fremden, die die große Freiheit des Truckfahrens für eine reine Männerdomäne halten. Mir geht der Schock der anderen tierisch gut rein. Manchmal überkommt mich aber auch die Wut, wenn ich merke, dass mal wieder dieser Job einer Frau nicht zugetraut wird. Ganz verdutzt geht dann der Blick möglichst noch unter meine Bettdecke der 55 cm- breiten Komfortliege im Führerhaus - wo ist der Mann, der dazugehört, der alles managt? Sie werden keinen finden. In diesem Moment könnte ich es geradezu herausschreien: "Das schafft frau schon allein". Aber für was? "Ist die hysterisch" würde gemunkelt werden. Ich setze also meinen Mitleidblick auf und warte, ob sie mich weiter anstarren oder verschämt wegschauen. Sie wissen ihr vergöttertes Weib, das für die Lust zuständig ist, lieber zu Hause und nicht auf so einem riesigen Gefährt - da könnte sie nämlich auch anderen Artgenossen die Sinne rauben. Vielleicht haben sie auch andere Gedanken.

Seit elf Jahren fahre ich mit meinem Kühllaster kreuz und quer durch Europa. Für 335 Tage im Jahr ist das Cockpit des LKW's meine Wohnung. Nur im September geht es dann fernab unseres Kontinentes in den Urlaub.

Glaubte meine Birne zu Anfang tatsächlich, dass alle Menschen mich irgendwann kennen müssten und das zeitweise doch aufdringliche Gegaffe dann aufhören würde, hat sie diese frühere Naivität längst erkannt und nimmt das Anstarren in Kauf. Nur an die immer gleichlautenden Fragen, ganz egal, um welche Gesellschaftsschicht und Nationalität es sich handelt, will der Kopf sich nicht gewöhnen. Es zeigt in nervender Weise, wie sehr sich die Gedanken der Menschheit ähneln.

Am häufigsten wird danach gefragt, ob ich keine Angst hätte alleine in der Ferne. Bis vor zwei Jahren habe ich immer geantwortet: "Vor was sollte ich mich fürchten? Mein 40-Tonnen-Mann ist doch dabei - also sind wir zwei".

Doch im Frühjahr 1996 ereignete sich etwas, was mir TODESANGST bereitet hat

Ich fuhr spätnachts, von Südspanien kommend, auf der Höhe von Valencia in Richtung Deutschland. Der Auflieger war voll mit Gurken und Paprika beladen. Die Tachoscheibe genehmigte noch zwei Stunden Lenkzeit, als mich auf der fast leeren Autobahn ein französischer Lieferbus schleichend überholte. Kaum vorbei, setzte er mit Meterabstand davor und wurde langsamer. Unwillkürlich betätigte ich meine Lichthupe, worauf der verrostete Karren die Geschwindigkeit weiter herabsetzte. Ich zog vorbei. Danach klebte er an meinem LKW wie ein Kaugummi.

Das machte mich nach einer halben Stunde nervös und so drosselte ich das Tempo ein wenig, um ihn erneut - der innerlichen Ausgeglichenheit wegen - passieren zu lassen. Der Andere wollte aber gar nicht vorbeiziehen, selbst als ich den Standstreifen ansteuerte, um stehenzubleiben, haftete die Schüssel hinter mir. Ich gab Gas und überlegte krampfhaft, wie dieses aufdringliche Fahrzeug abzuschütteln ginge. An der nächsten Ausfahrt bog ich ab und war die Nervensäge endlich los.

Nach einer Stunde auf der kurvigen Nationalstraße dachte ich, die Autobahn wieder benutzen zu können, um dort auf meiner Lieblingsraststätte kurz vor Tarragona die vorgeschriebene Pause einlzulegen. Morgens um zwei Uhr wollte ich den Tag genießend mit einem Meerblick abschließen, als plötzlich im rechten Außenspiegel ein Lieferbus auftauchte. Er platzierte sich quer vornedran. Erst jetzt ließ sich erkennen, dass mindestens sieben Allah-Anbeter in dem Bus saßen. Der Fahrer stieg aus und kam auf mich zu. Ich hatte jedoch keinerlei Interesse an einer sinnlosen Unterhaltung, startete meinen Truck, fuhr zehn Meter zurück und anschließend mit einem weiten Bogen an der aufgestellten Behinderung vorbei. Im Rückspiegel konnte ich erkennen, wie ein Insasse einen riesigen Gegenstand hinterher warf.

Nun hatte ich endgültig die Schnauze voll und fuhr die folgende Abfahrt wieder raus, da mir klar geworden war, dass ich an diesem Morgen nirgendwo auf der Autobahnroute meine Ruhe finden konnte. Ich kam an die Zahlstelle gebraust, reichte der Kassiererin im Häuschen mein Mautticket mit der Kreditkarte und bemerkte schon wieder die zwei gelben Lichter hinter mir. Während ich anfuhr, kamen drei der Typen bis in die Höhe meines Führerhauses gerannt.

Es knallte zweimal heftig. Aber ich entkam.

Seitdem antworte ich manchmal auf die 'Angst'-Frage: "Ja, es gibt da etwas, vor dem frau sich fürchten kann, nämlich vor einem absolut grundlos in Extase geratenen Männerhaufen. Denn nur, weil ihnen nicht immer Beachtung geschenkt wird, musst du möglicherweise um dein Leben bangen."
Vielleicht wollten sie mich aber einfach nur überfallen.

Ich danke meinem Gefühl, welches mich NIE im Stich gelassen hat in all den Jahren.


Im Juni 1998 begegnete mir "MI MEDIA NARANJA" (meine zweite Orangenhälfte), auch deretwegen ich mich im Jahr 2002 entschloss, wieder sesshaft zu werden. Die große Liebe half und hilft mir auch noch heute bei der Integration.

Das FERNWEH ist geblieben und kann nur teilweise gestillt werden. (05/2013)





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